Die NRZ-Kolumne: Günter guckt hin

Porträt Roland Günter

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3. Dezember 2003

Sehen muss man üben

Beim Augen-Arzt kann man entdecken, wie schön es ist, sehen zu können! Aber das wäre doch etwas fürs ganze Leben! Wirklich zu sehen bedeutet: Erkenntnis.
In den großen Städten vermehrt sich die Banalität und so gewöhnen wir uns an, sie zu übersehen: nicht oder kaum mehr hinzugucken. So entsteht ein flacher, diffuser Blick. Aber der intensive Blick lässt sich wieder gewinnen. Dafür muss man nicht in den Urlaub an eine Küste mit starken Seh-Reizen fahren; wer wieder zu schauen lernt, kommt auch hierzulande zu diesem Vergnügen.

Städte, Kirchen und Türme
Eine funktionell und ästhetisch interessante architektonische Form, die zum Schauen bestimmt ist: der Erker. In Amsterdam gibt es sogar auf den Brücken Ausbuchtungen – zum Schauen. Dafür wurden an den Grachten auch die Zier-Giebel angelegt. Als ein Schau-Vergnügen gestalteten Kirchen und Städte ihre Türme. Den sehenden Menschen stellte die italienische Renaissance mit der Perspektive ausdrücklich in den Mittelpunkt: Sie ordnete alles auf ihn zu. Der Städtebau des 18. und 19. Jahrhunderts schuf spannende Blick-Achsen – für die Intensivierung des Sehens. Gleich zwei davon faszinieren im Weltkulturerbe Zeche Zollverein in Essen.
Leider achten heute Stadtplaner und Architekten, Wirtschaftsleute und Verwalter nur noch selten darauf, den Leuten etwas zum intensiven Sehen zu präsentieren. Damit versagen sie den Menschen eine hohe Lebens-Qualität.
Das intensive Sehen ist heute weithin in die Fotografie und in den Film abgeschoben. Aber wir leben doch vor allem in konkreten Städten und Straßen. Mit Füßen und Augen. Fordern wir also Architekten, Stadtplaner und viele weitere heraus: Bieten Sie uns das Vergnügen des Sehens, das die Neugier weckt und den Entdeckungssinn fördert!
Städte und Schulen könnten einen Wettbewerb anschreiben: Wer markiert Blick-Punkte? Im Umfeld eines Gebäudes sollen Stellen bezeichnet werden, von wo man es intensiv sehen kann: mit einem kleinen Kreis oder einem stilisierten Auge im Fußboden oder einer Bank oder einer Stele. Oft lohnt es sich, dazu auch einen Text anzubieten.
Was das Sehen bedeutet, muss man nicht erst erfahren, wenn man nur noch schlecht oder gar nicht mehr sehen kann. Utopie: Die Augenärzte, vor allem an der weltberühmten Abteilung des Universitäts-Klinikums Essen, und die Optiker könnten sich für eine Kultur des Sehens stark machen. Damit werden sie zu Verbündeten einer Aktion Bau-Kultur:
Sie ruft das Sehen wieder als eine Qualität unserer Umgebungen wach.