Die NRZ-Kolumne: Günter guckt hin

Porträt Roland Günter

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3. November 2004

Lest in den Gesichtern!

An vielen Kirchen begegnen uns Szenen in Reliefs und bildhauerische Skulpturen. Die Weise, wie sie uns der Reiseführer knapp nennt, animiert nicht zum Verstehen. Schade.
Tatsächlich wurden nicht einfach Figuren aufgestellt oder gemalt, sondern ein spannender Zusammenhang. Einst erkannten ihn die Leute sofort. Uns Nachkommenden aber bleibt er verborgen, wenn weder Reiseführer noch Pfarrer, die ja sonst auf ihre Gelehrsamkeit stolz sind, die Sache erläutern. Es waren die Krimis von damals – als es noch kein Kino und Fernsehen gab.
Die Zunft der Kunsthistoriker hat bislang noch keine Lust, sich im Fach nebenan umzuschauen: in der Theatergeschichte, die z. B. an den Universitäten in Köln und Bochum ausgezeichnete Institute hat. Dort kann man entdecken, dass es im Mittelalter an Ostern ein aufregendes Volkstheater gab. Es begann im Ort mit einer Prozession, spielte dann vor allem vor dem Hauptportal und ging innen in der Kirche weiter. Ein professioneller Regisseur inszenierte; die Darsteller waren Kleriker und Laien aus dem Ort.
Dieses Volkstheater hatte einen Stoff, der ein Wechselbad der Gefühle bewegt: Ein guter Mensch diskutiert beim Abendessen mit Freunden, nimmt Abschied, gerät in Zweifel, wird verhaftet, gefoltert, verurteilt, grausam hingerichtet und begraben. Erhalten blieb dieses Volkstheater in Oberammergau und in lateinamerikanischen Ländern.
Im Mittelalter entstand der Wunsch, seine Schlüssel-Szenen ständig vor Augen zu haben, das ganze Jahr über. Diese Verstetigung geschieht in Stein und in Bildern – geschaffen von Bildhauern als Bau-Plastiken und Gemälde.
Eines der eindrucksvollsten Werke in unserer Region finden wir in Xanten: Szenen vor der Süd-Fassade des Domes. Der Kanoniker Gerhard Berendonck finanzierte. Der Meister N, von dessen Namen wir nur diesen einen Buchstaben kennen, fertigte 1525/1536 aus Stein dieses ständige Theater. Seine bühnenhafte Inszenierung wirkt unmittelbar und drastisch.
Dieser hervorragende Meister schuf auch in Wesel einen Kreuzweg (1525). Erhalten blieben nur die „Drei Kreuze“, heute in Dinslaken.
Dem Architekten des großartigen Theaters in Gelsenkirchen, Werner Ruhnau, steckt die Utopie eines solchen Volkstheaters im Kopf: Er begeistert sich für das Mitspiel-Theater. Jetzt ist das landesweit reisende Westfälische Landestheater (WLT) in Castrop-Rauxel am Vordenken: Es möchte faszinierende Orte, auch Kirchen, bespielen – als Beitrag zur Intensivierung von Identitäten.
Wenn wir vor Gesichtern von mittelalterlichen Skulpturen stehen, darf uns einfallen, was dem Architekten Konrad Wachsmann am Kathedralen-Portal in Chartres ganz irdisch in den Sinn kam – vor der hl. Anna: „Ihre herbe Schönheit begeisterte mich. Fast zehn Jahre später traf ich ein Mädchen, das genau so aussah und den gleichen Namen hatte.“ Egal welchem Bekenntnis man sich zugehörig fühlt, immer schauen uns in den Figuren auch Menschen an. Wer dies merkt, kann kulturell und spannend reisen.