Die NRZ-Kolumne: Günter guckt hin

Porträt Roland Günter

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3. September 2003

Mehr Raum fürs Warten

Was macht die Menschheit mit dem Warten? Eine Zeit lang dachten viele Leute, das Warten ließe sich abschaffen. Das erwies sich als ein Jahrhundert-Irrtum.
Natürlich gibt es zwischen dem Warten und dem Warten riesige Unterschiede. Trotzdem lohnt es sich zu fragen: Wie kann man sich mit dem Warten arrangieren? Das Beste daraus machen? Dies ist nicht nur eine freundlich anregende Frage an Wartende, sondern ebenso an die Menschen, die warten lassen – aus mancherlei Gründen.
Dafür hat die Bahn in Zeiten, als sie sich noch intensiv mit menschlichen Bedürfnissen auseinander setzte und daran nicht sparte, zum Beispiel um 1900 und um 1930, auf ihren Bahnsteigen Warte-Häuschen entwickelt.
Heute sieht es damit in der Region nicht gut aus. Der Gedanke scheint ziemlich verschwunden zu sein. Ab und zu gibt es noch Warte-Räume. Die Spitze, die sich für alle gehört, ist Oberhausen, – gut gestaltet und beheizt.
Im Warte-Häuschen in Mülheim haben viele junge Leute ihre Namen eingeritzt – in der Hoffnung auf etwas Unsterblichkeit. Das bekommen sie hier, weil sich jahrzehntelang kein Bahnhofs-Vorsteher um diesen Raum mehr bemühte. Er spart das {Pöttken Farbe“, auch um zu zeigen, dass er sich nicht ums Warten kümmert. Der kleine Raum ist so kahl wie eine Gefängnis-Zelle. Glücklich die thailändische Frau, die ein Buch dabei hat. Das Neon-Licht hätte der Schriftsteller Joseph Roth in den 1920er Jahren beschreiben können. Muss denn, wer so etwas unterhält, auch noch die Melancholie dazugeben?
Nur Nutzen – sonst nichts. Bei Menschen würde nach diesem Konzept das Knochen-Gerüst genügen.
Eisenbahn-Chef Mehdom und Eisenbahn-Minister Stolpe haben Wohn-Zimmer, die gewiss anders aussehen – sie würden sich selbst verbitten, was sie anderen zumuten.
Wer andere warten lässt, sollte sich mal damit auseinandersetzen, wie man ihnen hilft, auf freundliche, auf gute und anregende Gedanken zu kommen. Mehdom, Stolpe & Co, aber auch einige Institutionen in der Region könnten sich darum kümmern, auch für das Warten eine Kultur zu entwickeln.
Dabei könnten sie auf den Gedanken kommen, ihnen in der Zeit des Wartens etwas zu zeigen. Aber bitte nicht annehmen, dies sei eine weitere Viertelstunde für Werbung.