Die NRZ-Kolumne: Günter guckt hin

Porträt Roland Günter

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2. Februar 2005

Lehmbruck setzt Akzente

Es gibt vieles in der Region, das man kennt und doch nicht kennt. Ein Paradox. Aber das Gefühl, dass man es noch nicht verstanden hat, kann eine Treibkraft sein: Es wieder ganz frisch zu sehen, neu zu entdecken mit dem Motto des alten Sokrates: „Das Staunen ist der Anfang der Philosophie.“ Eine gute Architektur ist gebaute Philosophie.
Ein solcher Bau setzt in Duisburg bleibende Akzente – in der Mitte der Stadt. Er ist ihr künstlerische Herz: das Lehmbruck-Museum, dem großen Bildhauer Wilhelm Lehmbruck (1881–1919) mit seinen Werken gewidmet. Sein Sohn, der Architekt Manfred Lehmbruck (1913–1992) hat es entworfen – wenn die Geschichte gerecht wird, kann sie ihn als einen der Großen entdecken.
Der Lehmbruck-Kern ist ein wunderbares Gebäude, das virtuos mit dem Wechsel von Innen und Außen spielt. Es versteckt sein Inneres nicht und macht es – noch ein Paradox – beim Öffnen zugleich geheimnisvoll. Der Raum besteht aus Scheiben-Flächen, mal nach außen gebogen, mal gehöhlt. So geht der Blick durch immaterielle große Glasscheiben hin und her im fließenden Raum, von außen nach innen und wieder zurück und wohin er will. Überraschung: Ein gläserner Hof – es regnet, schneit, leuchtet der Himmel.
Daneben steht eine zweite Halle – ein Kontrast und zugleich eine Zusammenspiel: für ein exzellentes Museum weiterer Künstler.
Langsam um das Gebäude herumlaufen! Die Raum-Struktur bilden im Inneren und außen mehrere Plätze. Beim Herumgehen erfahren wir immer neue spannende Situationen. Man stelle sich vor, daran hätten die Gestalter von Plätzen in unseren Städten gelernt. Dürfen wir nicht auch von Erwachsenen verlangen, dass sie lernen wie Kinder?
Auf dem schönsten der Plätze können wir uns in den genialen Duisburger Stuhl setzen. Skulpturen werden anderswo bloß ausgestellt, hier aber sind sie auf dem Platz inszeniert wie eine Choreographie. Sie stehen im Raum als wären sie Menschen. Diese Szenerie ist so gut gestaltet, dass wir den Baum auf dem Platz ebenfalls so empfinden – wie eine menschliche Skulptur. Daneben sind auch die abstrakten Stahl-Plastiken sehr wirksam, weil sie gut inszeniert sind.
Der große Park ist dem Philosophen der Emanzipation gewidmet: Immanuel Kant. Seine Botschaft: Selber denken – nicht denken lassen. Und: Zu anderen so gut sein, wie man es für sich von anderen wünscht.
Dieses Ensemble ist zugleich Park, Raum, Platz und Architektur vom Feinsten. Ausgezeichnet erreichbar: wenige Schritte vom Bahnhof und von der Fußgänger-Zone, der Königstraße, entfernt. Die Szenerie hat bereits ein Alter von fast einem halben Jahrhundert (1956/1964) – aber wenn etwas gut ist, stellt sich das Alter nicht als Frage: Wenn etwas richtig ist, ist es klassisch und bleibt frisch wie am ersten Tag. Für alle Generationen.