Die NRZ-Kolumne: Günter guckt hin

Porträt Roland Günter

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1. Dezember 2004

Das gesündeste Haus Europas

Kein Wegweiser, keine erklärende Tafel. Wie kann eine Stadt einen so eigentümlichen Bau verstecken! Dabei wäre er leicht auffindbar zu machen - neben der größten Schule: Er hat mit Bildung und mit Gesundheit zu tun. Oberhausen könnte sich zu einer Metropole der Bildung ausrufen. Weiß die Stadt nichts über ihre einflussreiche Geschichte? Oberhausen will doch mit OVision eine Metropole der Gesundheit werden.
Im Hans Sachs-Berufskolleg (2.552 Schüler) baute Horst Dinstul im weiten Hof in drei Jahren mit 400 Schülern „das gesündeste Haus Europas. In diesem biologisch konzipierten Gebäude gibt es nichts, was die Gesundheit stört.“
Weil unter den jungen Leuten viele Arbeitslose aus Osteuropa sind, kam finanzielle Unterstützung vom Europäischen Sozialfond. Horst Dinstul ließ sie bei Null anfangen: mit den einfachsten Techniken. Das Lernen im Prozess des Machens schuf Begeisterung.
Das Haus ist nicht an die städtische Entwässerung angeschlossen. Regen-Wasser aus den Wasserspeiern und Grauwasser aus der Küche wird im Teich aufgefangen: im Kleinbiotop. Dass er ökologisch stimmt, zeigen Libellen und Wasserläufer.
Innen: ein spannender szenischer Raum. Grundstruktur: die Pyramide. Eingefügt: Emporen. Die Ecken: gewölbt. „Überall das Maß-Verhältnis des Goldenen Schnitts. Im zentralen Punkt: ein Bergkristall.“ Dinstul malt an eine Wandtafel unterschiedliche Rechtecke – als Türen: „Wo gehen Sie gerne durch?“Die psychologische Frage zeigt: Proportionen laden ein oder wehren ab.
Ein Fachwerk-Gebäude aus Holzständern. Dazwischen: Lehmziegel. Vorgeschraubt: Holz-Platten Vor dieser Schicht eine zweite: Eine biologische Dämmung aus Flachswolle. Außen: Platten. In Entsprechung zum Lehm: Lehmfarbe. Alles Holz ist einheimisch, aus der Eifel, zwei Jahre gelagert, ohne Risse. Nur geölt und gewachst – so fühlt es sich warm an.
Die Natur-Materialien schaffen gutes Klima – -vielschichtig. Horst Dinstul, im Institut für Baubiologie in Bonn ausgebildet: „Ich beobachte, dass wir stets ein entspanntes Unterichts-Gespräch haben.“
Abgeschirmte Kabel vermeiden Elektro-Smog. Jeder Mensch gibt im Raum 150 Watt Wärme ab, eine Schulklasse 5 Kilowatt. Daher ist kaum Heizung nötig, nur eine weiße Leiste: Sie strahlt, daher entsteht keine Luft-Bewegung.
Überall Fenster: „Der Raum ist angekoppelt an den Tag.“ Zudem ist alles Material offen-porig, nicht abgekapselt wie eine Beton-Bude. Die 7. Klasse hat das Unterrichtsfach Baubiologie – als einzige Schule. Für die 20 jungen Leuten ist es eine Lehre mit hohem Praxis-Anteil: „Das Haus dient dem Lernen: Es ist nie fertig, wir arbeiten immer daran.“
Das Konzept: „Ich muss eine persönliche Betroffenheit hinkriegen. Dann ist der Bann gebrochen. Es entsteht ein Dialog: über Gesundheit und den eigenen Körper.“ Die Philosophie: „Man braucht einen, der weiß, wie es geht, und Leute, die Lust am Bauen haben.“ Dinstuls Credo sollte für alle Architektur gelten: „Nicht so bauen, dass man es darin aushaken kann, sondern dass man darin gut lebt.