Die NRZ-Kolumne: Günter guckt hin

Porträt Roland Günter

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1. Oktober 2003

Die Kunst des Seinlassens

Die Brüder Mannesmann entwickelten in Remscheid-Bliedinghausen ihr Verfahren, Röhren nahtlos zu walzen. Der Ort ist bekannt: eine Fabrik-Halle – in der sparsamen, aber gutproportionierten und noblen Formung der Zeit um 1840. Natürlich steht die Halle unter Denkmalschutz.
Jetzt wollen ein Förderverein mit alten Mannesmännern, dem Archiv-Chef Professor Wessel und die Regionale im Bergischen Land diese Halle für ein Nachdenken über die Industrie-Epoche nutzen. Experten sind geladen: Sie gehen in den Raum und dann prallen zwei Ansichten aufeinander.

Die Baulust der Architektur-Professoren
Auf der einen Seite sehe ich den begehrlichen Blick des Architektur-Professors, der schon viele Industrie-Hallen umgebaut hat – ohne einen wirklichen Respekt zu haben vor dem, was er vorfindet. Seine Baulust treibt ihn dazu zu vergessen, dass man im Baudenkmal nach dem Prinzip des minimalen Eingriffs arbeiten muss. Und dass falscher Aufwand zerstört – dann ist es sauber und chic, aber ebenso glatt und austauschbar wie überall.
Der Chef der Regionale stellt als warnendes Beispiel vor Augen, dass eine Ketten-Reaktion von Kosten in Gang kommt, wenn man derart mit dem Denkmal umgeht. Und dass schließlich ein Projekt an den Finanzen scheitern kann, weil es nicht bescheiden und klug gemacht wurde.
Die anderen sagen: Dies ist jetzt eine Werkstatt – lasst alles so stehen, authentischer könnte man keine solche Stätte zeigen. Auf diesem Raum lässt sich ohnehin kein riesiges Programm entwickelt – es ist großartig, wie hier die Atmosphäre wirkt: Sie lässt den Mythos Industrie-Kultur erleben. Anderswo kann man weiteres ansetzen – im vorzüglichen Werkzeugmuseum. Zu sehen gibt es genug, daher ist das Medium „Hören“ gefragt – mit wenig aufwändigen Mitteln wie im Technischen Museum Wien. Wenn es einen Vortrag gibt, nehmen die Leute, wie in einer mittelmeerischen Kirche, aus einer Ecke den Stuhl mit, sie setzen sich zwischen die Werkbänke und hören zu. Ist der Redner langweilig, gibt es wenigstens viel zum Schauen. Denn eine solche Fülle interessanter Blicke wird es nie wieder geben. Räumt das nicht aus – sonst bekommt ihr die saubere Leere, die es überall gibt.
Dies ist eine Werkstatt mit dem Mythos des Erfindens – sie kann es bleiben.